Notfall in der Safari-Lodge

Hippos

 

Das Boot drehte sich allmählich in der Strömung des Flusses, und die Flusspferde behielten es neugierig im Auge, als hätten sie so etwas noch nie gesehen: ein Ding auf dem Wasser, Menschen auf dem Ding, und alle hatten sie diese komischen Apparate vor den Augen, durch die sie schauten. Es war still, so still, wie es in Afrika sein kann kurz vor  Sonnenuntergang.

Und dann krächzte das Funkgerät. Die Lodge. Der Kapitän nahm das Gerät und ging zum Bootsende. Ok, hörte man ihn nach einer Weile sagen, ja, natürlich, sofort, zehn Minuten, länger werde er nicht brauchen, und den Wagen könne er schon sehen. Er blickte den Fluss hinunter, wo weit hinten zwei Scheinwerferstrahlen am Ufer aufgetaucht waren. Dann kam er zu mir herüber. „Du musst sofort in die Lodge. Es gibt eine dringende Nachricht für Dich. Jeff holt Dich mit dem Landrover ab. Wir kommen dann nach.“

Auf der Fahrt zum Ufer sprach niemand ein Wort, aber wahrscheinlich dachte jeder etwas Ähnliches. Ich versuchte ruhig zu bleiben. Vergangenes Jahr war mein Vater von einer Minute auf die andere gestorben, meine Mutter war fast achtzig, die Schwiegermutter beinahe 90. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, wem etwas zugestoßen war. Stattdessen überlegte ich, wie ich am schnellsten zurück nach Deutschland kommen könnte. Wir waren in einem Schutzgebiet an der Grenze zu Swaziland, Mobiltelefone funktionierten nicht, irgendwer musste mich zum Airport nach Johannesburg bringen, sieben Stunden würde das dauern. Und morgens geht keine Maschine nach Deutschland, dachte ich.

Wahrscheinlich ist noch nie jemand die zwanzig Pistenkilometer vom Fluss zur Lodge so schnell gefahren wie Jeff, schon gar nicht im Dunklen. Wahrscheinlich hat es noch nie so lange gedauert. Als wir ankamen, konnte man die Managerin sehen, die am Tor in der Dunkelheit auf uns wartete. Die Email sei vor einer Stunde gekommen, sagte sie, der Safariveranstalter habe sie weiter geleitet, leider verstehe sie kein Deutsch, aber es sei sehr dringend, im englischen Anschreiben des Veranstalters stehe „very urgent“.  „In meinem Büro. Ich hab die Mail schon für Dich geöffnet.“

Ich lief über den Rasen Richtung Lodge, und weiter durch die Lobby und weiter ins Büro, und ich setzte mich vor den Computer und las die Email. Beim ersten Mal verstand ich den Inhalt nicht. Beim zweiten Mal dann schon. „Kann ich bitte einen doppelten Scotch auf Eis haben?“, fragte ich die Managerin, die draußen auf dem Flur stand, vorsichtshalber, um in der Nähe zu sein.  Ich schloss die Nachricht. Sie kam von einem Redakteur in Deutschland und hatte in etwa folgenden Wortlaut: „Lieber Herr Nink, ich habe ganz vergessen, dass wir noch drei Kulturtipps zu Ihrer Geschichte brauchen. Können Sie da noch schnell was schicken? Danke!“

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