Einbahnstraße

Wir waren in Koya-san und fuhren mit dem Linienbus zur Seilbahnstation hinunter, als es zum ersten Mal während dieser japanischen Reise eine Gefühlsregung zu beobachten gab. Der Busfahrer rastete nämlich aus. Und niemand merkte es.

Japanische Busfahrer sind nomalerweise Stoiker, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Zuvorkommend freundlich sind sie ebenfalls. Unaufhörlich brabbeln sie irgendwelche Dinge in ihr Mikrofon, Guten Tag, danke, dass Sie mit uns fahren, ich hoffe, Sie fühlen sich wohl in meinem Bus. Wenn eine Schulklasse aussteigt, sagt ein Busfahrer jedem Kind, das an ihm vorbeikommt, „Auf Wiedersehen!“ Im höflichen Japan gibt es kaum höflichere Leute als Busfahrer.

Wir fuhren also zur Seilbahn, eine enge, sehr enge Gebirgsstraße mit vielen Kurven hinunter. Die Einbahnstraße dort ist so schmal, dass es Fußgängern untersagt ist, sie zu benutzen, weil sonst die Busse in Schwierigkeiten geraten könnten. Links ist Fels, rechts ist Abgrund, aber unser Busfahrer war gut gelaunt und erzählte uns irgendetwas über die Lautsprecheranlage. Bis ihm in einer engen Kurve ein Auto entgegen kam, Limousine, groß, ältere Frau am Steuer. Dem Busfahrer gelang es gerade noch so, das Auto nicht in den Abgrund zu schieben. Dann standen wir mit ein paar Zentimeter Abstand nebeneinander, und der Busfahrer begann, auf die Frau einzuschreien. Japanisch klingt ja selbst bei freundlich gemeinten Sätzen noch hart – dieser Busfahrer aber war stocksauer. Er brüllte. Ich vermute mal, dass er sowas schrie wie: Das ist eine Einbahnstraße, wie können Sie denn hier hoch fahren, wie blöd kann man denn sein, so was alles. Die Frau hinterm Steuer verneigte sich pausenlos, als sie das alles hörte. Sie wirkte völlig verzweifelt. Das Interessanteste aber war die Reaktion der Passagiere: da war nämlich keine. Da war Schweigen. Normalerweise hätten da doch Bemerkungen kommen müssen, beruhigende Worte, Aufforderungen, Schmunzeln, irgendetwas – es kam aber nichts. Es ist, als passierte das Drama zwischen den geöffneten Fenstern überhaupt nicht. Als würde man sich den Wutanfall des Fahrers lediglich einbilden.

Nach zwei Minuten hatte der sich beruhigt. Ganz vorsichtig ließ er den Bus an der Limousine vorbei rollen, dann gab er Gas. Aus dem hinteren Fenster konnte man sehen, wie die Frau den Rückwärtsgang einlegte. Sie hätte vielleicht noch fünfhundert Meter vor sich gehabt, würde stattdessen jetzt aber fünf Kilometer rückwärts die Serpentinen runterfahren. Und hoffen, dass vor vorne nicht noch ein Bus kommt.

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